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Mystisches Nebelland

Gestern Nachmittag hatten wir ja so einen richtig dichten Nebel über dem Land hängen. Also optimales Fotowetter, fand ich, schnappte mir gleich nach der Arbeit meine Kamera und macht mich auf in die Wälder.
In so einem dichten Nebel unterwegs zu sein ist immer wieder ein ganz eigenes Erlebnis. Er dämpft die Geräusche, die Welt ist stiller als sonst. Das Auge findet in der Weite keine klaren Formen, nichts woran es sich festhalten kann. Letztlich ist man in seiner Wahrnehmung auf die Dinge in der Nähe zurückgeworfen. So hat der Nebel auch immer etwas unmittelbares. Mit jedem Schritt enthüllt und versteckt er die Welt gleichermaßen. Man selbst ist immer die Mitte. Im Nebel der Welt verborgen und ihr bloßgestellt im selben Augenblick. …

In solcherart Gedanken versunken, erreiche ich auch schon ein Naturdenkmal namens „drei Steine“. Einer dieser drei Steine ist von einer alten, riesigen Föhre umwachsen. Ein Anblick der mich immer wieder fasziniert.

Eine Weile bleibe ich an diesem Ort und tue, man an so einem Ort eben tun. Dann zieht es mich weiter. Der Nebel scheint mir immer dichter zu werden. Aus der Welt der Farben wird mehr und mehr eine Welt der Formen.

Bei den „drei Wächtern“ -so nenne ich diese drei Bäume aufgrund der Art wie sie im Dreieck zusammen stehen- verweile ich erneut ein paar Minuten. Es ist nun nicht mehr weit bis zu meinem eigentlichen Ziel, dem Weltenbaum. Denn wenn ich jemals eine weltliche Entsprechung des mythologischen Weltenbaumes in unserer Gegend gesehen habe, dann diese uralte, riesige Buche, die sich da fünf Gehminuten weiter in den Himmel hebt, und die einfach zu groß ist, um ihr mit einer „Ganzkörperansicht“ gerecht zu werden.

Einige ihrer Hauptäste sind so dick wie die Stämme „normaler“ Bäume. Die Äste daran verzweigen sich in alle Richtungen und reichen hoch genug um sich im Nebel zu verlieren.
Mir geht durch den Kopf, dass es mehrere Jahrhunderte Geschichte sind, vor denen ich ich hier stehe. Dieser Baum hat Kriege und Weltkriege gesehen, hat zigtausende von Vögeln in seinen Ästen beheimatet, kennt Generationen von Menschen, ist in Zeiten groß geworden, wo Autos noch unbekannt, ja vielleicht auch die Dampfmaschine noch gar nicht erfunden war. Und wie viele Liebende wohl ihre Namen in die Rinde geritzt haben? Namen junger Menschen voller Hoffnungen und Träume, alsbald wieder verwachsen?
Da kann man schon ein bisschen demütig werden. Dieser alte Buchenbaum kannte meine Großeltern, deren Großeltern, er kennt mich und wird noch Generationen nach mir kennen-Sofern kein Verrückter kommt und ihn fällt. Das rückt so manche Dinge wieder ins richtige Licht. Und während ich mich langsam auf den Heimweg mache, erscheint mir so manches, was vorher in irgend einer Weise Macht über mich hatte, nun nur noch unwichtig und nebensächlich.

Mit nebligen Grüssen, Manfred Herrmann

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