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Schornsteinrauch und Leberkäs

Jeder Mensch hat so seine eigenen Geruchs-erinnerungen. Oder besser gesagt, Gerüche die Erinnerungen wecken. Denn einen Geruch aus der Erinnerung heraus zu riechen ist wesentlich schwieriger als sich durch das riechen an etwas zu erinnern. Probiert das mal kurz aus….

Eine meiner frühesten bewussten Geruchs-erinnerungen besteht aus Schornsteinrauch an dunklen, eiskalten Winterabenden, vermischt mit dem Duft einer frischen Leberkässemmel. Und- Aber halt! Genau das stimmt ja eigentlich nicht.

Wenn ich an einem kalten Winterabend den Rauch aus einem Schornstein rieche, oder den Duft einer Leberkässemmel, dann erinnert mich das an meine Zeit als kleines Kind, wie ich an der Hand meiner Mutter an Winterabenden mit in die Stadt gehe. Einkaufen. Dabei kriege ich im ersten Geschäft natürlich eine warme Leberkässemmel, die ich dann so nach und nach esse, während wir von Geschäft zu Geschäft gehen. Es ist eine angenehme Erinnerung, die ich gerne habe. Aber wie gesagt- Es sind die Gerüche welche diese Bilder auslösen und Teile der Kindheit wieder ins Bewusstsein holen. Während ich das hier schreibe allerdings, vermeine ich zwar die Gerüche von damals zu erinnern, wirklich riechen kann ich sie aber nicht. Verflixte Sache irgendwie.

Was mich in diesem Zusammenhang noch beschäftigt ist die Frage, ob ich den Geruch nach Schornsteinrauch und Leberkäse an sich mag, oder ob ich ihn nur mag weil er schöne Kindheitserinnerungen weckt. Ein Selbstversuch soll Klarheit bringen, und da ich ob der Erinnerung an den Geruch ohnehin schon Appetit habe, mache ich mich also auf den Weg in die Stadt um mir eine Leberkässemmel zu kaufen und die Welt zu riechen.

Eines der ersten Dinge die mir dabei auffallen ist, dass der Straßenverkehr anders riecht als früher. Das ist wieder so eine paradoxe Sache. Ich kann die Erinnerung an den Geruch der Autos vor 25 oder 30 Jahren nicht bewusst riechen. („Wiederrichen“?? Wäre dies das richtige Wort dafür?) Aber ich bin mir sicher das Autoabgase heute anders riechen als damals. Vielleicht weil ihr Geruch keine so weit zurückliegenden Erinnerungen weckt? Jedenfalls fährt kurz darauf ein alter klappriger VW-Polo vorbei, und er riecht wirklich anders als die modernen Fahrzeuge, wenngleich auch er nicht alt genug ist um zu meiner Kindheits-Verkehrserinnerung zu passen. Wir wohl an Katalysatoren, den Motoren und wahrscheinlich auch am Treibstoff selbst liegen. Katalysatoren schonen die Umwelt und den Erinnerungsspeicher ihres Gehirns, denke ich so bei mir…

…und stehe dann auch schon vor der Auslage des Fleischers meines geringsten Misstrauens. Beim Betreten des Geschäfts fällt mir auf, das der Geruch im Verkaufsraum nicht, oder nur wenig von meinen Fleischerei-Geruchserinnerungen abweicht. Ich kaufe mir eine Leberkässemmel und gelange umgehend zu der Meinung das Leberkäse schon immer so riecht wie er riecht. Und das ich diesen Geruch um seinetwillen und nicht wegen der damit verbundenen Erinnerungen mag.         -„Rääääääääng!“,

schaltet sich aber auch hier sofort wieder die Alarmsirene in meinem Kopf ein. Wie kann ich das denn eigentlich beurteilen, wo doch an den Leberkäsegeruch jede Menge weitere Erinnerungen an Erfahrungen geknüpft sind. Satt werden, zum Beispiel. Die stärkende Jause in geselliger Runde nach einer anstrengenden Arbeit. Lauter positive Erinnerungen. Was wäre wenn ich mich auch mal mit Leberkässemmeln überfressen hätte? Würde ich den Geruch dann dennoch so mögen? Wahrscheinlich nicht.

Wohl der allergrößte Teil von allem was wir täglich so riechen weckt in irgend einer Weise Erinnerungen. Von diesen Erinnerungen hängt wohl ab ob wir einen Geruch mögen oder nicht. Vermute ich zumindest mal, während ich das Kleidergeschäft auf dem Bild oben aus sicherer Entfernung, von der anderen Strassenseite aus beobachte. Ich kann mir ziemlich gut vorstellen wie es darin riecht. In diesem Fall rieche ich es sogar schon fast tatsächlich. Kleidergeschäfte sind mir ein Graus. Ich meide sie so gut es nur geht. Oder sollte ich besser sagen, ich mag den Geruch darin nicht? Wenn ich näher darüber nachdenke, dann weckt der Kleidergeschäfte-Geruch kaum positive Kindheitserinnerungen in mir. Kleidung kaufen war eigentlich immer stinklangweilig. Tausend Sachen probieren und dann auch noch warten bis die Mutter mit der Verkäuferin fertig getratscht hat. Zwischendurch die eine oder andere Bekannte, die zufällig ins Geschäft kommt und… Nein. Das wird jetzt keine Kindheits-Kleidergeschäft-Trauma-Aufarbeitungsgeschichte. Aber ich mag eben keine Kleidergeschäfte. Der Geruch darin erinnert mich jedesmal aufs neue daran. Ein Teufelskreis 🙂

Auf dem Heimweg kommt mir noch der Gedanke, ob es einen spezifischen Geruch gibt den alle engen Gassen gemein haben. Während ich über diese Möglichkeit nachsinne, geht mir plötzlich auf, dass ich die ganze Zeit über noch keinen Schornsteinrauch gerochen habe. Ich schnuppere eine Weile bewusst danach. Nein, nichts. Seltsam, bei über minus 10 Grad draußen, eigentlich. Eigentlich…eigentlich nicht, muss ich mir eingestehen, weil während damals noch fast alle Häuser mit Holz oder Öl beheizt wurden, verbrennen die heutigen Haushalte zu einem großen Teil Erdgas. Das wenige was da noch durch den Schlot kommt, riecht einfach anders. Kommt an den kernigen, ganz eigenen Geruch des alten Schornsteinrauches einfach nicht heran, möchte man sagen. Mit der Welt ändert sich auch ihr Geruch, das ist nur logisch. Aber auch faszinierend, irgendwie, finde ich, und wünsche euch hiermit eine geruchsvolle Zeit,

schnupper schnupper, Manfred Herrmann

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