In der Fotografie gibt es im Prinzip zwei Gründe, aus denen man längere Belichtungszeiten verwendet. Entweder es handelt sich um eine Notwendigkeit, weil einfach zu wenig Licht vorhanden ist, um mit kurzen Zeiten ausreichend Licht auf den Sensor zu bekommen. Oder man möchte gezielt Bewegungsunschärfen erzeugen und diese als Gestaltungsmittel einsetzen.
Ab wann eine Belichtungszeit als „lang“ zu definieren ist lässt sich nicht genau festlegen. In der Regel werden Bilder die mehrere Sekunden bis zu einigen Minuten belichtet wurden, als Langzeitbelichtung bezeichnet. Es kann aber, je nach Motiv, beispielsweise auch schon 1/8 Sek. „lang“ sein. Umgekehrt sind auch mehrere Minuten Belichtungszeit noch äußert kurz im Vergleich zu dem, was etwa der Fotograf Michael Wesely macht. Er belichtet verschiedene Motive zum Teil mehrere Jahre(!) lang.

Aber jetzt für diejenigen unter euch, die sich mit Sekunden und Minuten begnügen, ein paar Tips.

50mm, 15 Sek., F8, ISO 200

50mm, 15 Sek., F8, ISO 200

Von der Ausrüstung her, brauchst du mehr oder weniger zwingend ein Stativ. Ansonsten werden nicht nur Bewegungen unscharf, sonder das ganze Bild wird verwackelt. Alternativ könntest du die Kamera wo auflegen, aber das ist eher eine Notlösung. Stativ ist komfortabler. Glaub mir.
Von den Kameras her – Aktuelle Spiegelreflex- und Systemkameras lassen in der Regel eine Voreinstellung der Belichtungszeit von bis zu 30 Sekunden zu. Sie bieten darüber hinaus meistens auch einen Modus (meist mit „bulb“ bezeichnet) indem man so lange belichten kann wie man möchte.
Bei Kompaktkameras ist es jeweils vom Modell abhängig, wie lange belichtet werden kann. Die Funktion für Langzeitbelichtungen verbirgt sich da oft in irgendeinem Motiv-Programm. Die Bedienungsanleitung deiner Kamera hilft dir hier gerne weiter.
Bezüglich Objektiv/Brennweite nimm einfach, was für dein Motiv in Frage kommt.

75mm, F32, 4 Sek., ISO 100, -1,0LW Wasser wird bei längeren Belichtungszeiten "weich". Je häher die Fließgeschwindigkeit und je länger die Belichtungszeit, desto ausgeprägter werden die Effekt

75mm, F32, 4 Sek., ISO 100, -1,0LW
Wasser wird bei längeren Belichtungszeiten „weich“. Je höher die Fließgeschwindigkeit und je länger die Belichtungszeit, desto ausgeprägter werden die Effekte

Vom Aufnahmemodus her empfiehlt sich der manuelle Modus oder die Zeitvorwahl. Achte darauf, die ISO-Automatik auszuschalten, da diese die ISO sonst nach oben schraubt um zu lange Belichtungszeiten zu verhindern – Was sie in diesem Fall ja nicht tun soll.
Welche Belichtungszeiten sich eignen, ist von Motiv zu Motiv unterschiedlich, hängt einerseits von der Lichtsituation, andererseits von der Geschwindigkeit ab, mit der sich Motive im Bild bewegen und wie viel Bewegungsunschärfe man haben möchte. Ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren heißt hier die Devise.

30mm, F8, 2 Sek., ISO 200 Nächtliche Vergnügungsparks bieten ein schönes Experminetierfeld für Langzeitbelichtungen.

30mm, F8, 2 Sek., ISO 200
Nächtliche Vergnügungsparks bieten ein schönes Experminetierfeld für Langzeitbelichtungen.

Wenn du bei strahlendem Sonnenschein Langzeitbelichtungen machen möchtest, wirst du rasch herausfinden, dass sich lange Belichtungszeiten mit korrekter Belichtung oft nicht vereinen lassen. Wenn du mit der ISO schon ganz unten bist und du auch die Blende ganz geschlossen hast, die Bilder aber immer noch zu hell, also überbelichtet werden, dann hast du schlichtweg zu viel Umgebungslicht für eine Langzeitbelichtung. In diesem Fall kannst du einen sogenannten „Graufilter“ (Neutraldichtefilter) verwenden, den du einfach in das Filtergewinde deines Objektives schraubst und der im Prinzip nichts anderes ist, als eine Sonnenbrille für dein Objektiv.
Ansonsten hilft nur, es bei schlechtem Licht erneut zu versuchen, also bei bewölktem Himmel, Abends oder Nachts.

28mm, 1/8 Sek., ISO 200, -1LW Trotz der nicht all zu langen Belichtungszeit, verschwimmt das sich drehende Fahrgeschäft bereits in Bewegungsunschärfe.

28mm, 1/8 Sek., ISO 200, -1LW
Trotz der nicht all zu langen Belichtungszeit, verschwimmt das sich drehende Fahrgeschäft bereits in Bewegungsunschärfe.

Ansonsten – Lade deinen Kamera-Akku vorher voll auf bzw. nimm ausreichend Ersatz mit. Durch die langen Belichtungszeiten verbraucht die Kamera signifikant mehr Strom.
Achte immer darauf, dass dein Stativ stabil genug ist und gut steht. Vermeide als Aufstellungsort schwingende Untergründe wie Brücken, Tanzböden, Stege, Lautsprecher etc. möglichst, um „Verwackler“ zu vermeiden. Verlasse dich nicht auf den Autofokus sondern fokussiere manuell.
Bei der folgenden Aufnahme hatte ich das Stativ auf einem steilen Hang stehen, wo es gerade eben mal so nicht umfiel. Da es ein wenig windig war, kam es zu einer leichten Verwacklungsunschärfe, wodurch es dem Monument im Vordergrund an Schärfe fehlt. (Und ja – Die Blende hätte ruhig weiter zu können)
Die strichförmigen Sterne rühren übrigens nicht vom Verwackeln her, sondern sind tatsächlich Bewegungsunschärfe, da sich die Erde ja um ihre eigene Achse dreht. Das jetzt nur mal so als Hinweis, falls du den Drang verspürst, einmal aus Sternen gaaaaanz lange Striche werden zu lassen 😉

28mm, 83 Sek., F2,8, ISO 200,

28mm, 83 Sek., F2,8, ISO 200,

Gut. Jetzt steht eigentlich deinen eigenen Experimenten mit langen Belichtungszeiten nichts mehr im Wege. Normale Nachtaufnahmen, stark befahrene nächtliche Autobahnen, Wasser, Feuerwerke, Menschen in Bewegung, Sterne….was auch immer dir einfällt. Tob dich aus.
Fragen und Anregungen wie immer gerne über die Kommentarfunktion unten.

Mit langzeitlichen Grüßen, Manfred Herrmann

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