Schärfe und Unschärfe sind wichtige Gestaltungsmittel in der Fotografie. Das menschliche Auge sucht beim betrachten eines Bildes unwillkürlich die scharfe Stelle. Dadurch lässt sich der Blick des Betrachters auf den gewünschten Bildbereich lenken.  Schärfe ist von mehreren Faktoren abhängig. Außerdem gibt es verschiedene Arten von Unschärfen, die verschiedene Wirkungen erzielen können.

Schärfentiefe:

Beginnen wir mit der Schärfentiefe. (Zuweilen wird synonym auch der Begriff Tiefenschärfe verwendet) Von viel, großer oder durchgehender Schärfentiefe sprechen wir, wenn das ganze oder ein großer Teil des Bildes als scharf erscheint. Von wenig oder begrenzter Schärfentiefe sprechen wir, wenn nur ein kleiner Teil des Bildes scharf erscheint.
Ob viel oder wenig Schärfentiefe erwünscht ist, hängt natürlich vom Motiv und der gewünschten Bildwirkung ab.
Als klassisches Beispiel für eine große Schärfentiefe werden meist Landschaftsaufnahmen angeführt. In der Tat nehmen wir beim Betrachten einer Landschaft diese durchgehend als scharf wahr, und diese Schärfe erwarten wir uns auch beim betrachten eines Landschaftsbildes.

Das klassische Beispiel für eine begrenzte Schärfentiefe sind Porträts von Menschen, Tieren oder auch Pflanzen. Im realen Leben konzentriert sich unser Blick hier auf Details und wir nehmen den Hintergrund nur wenig wahr, weshalb diese Dinge meist auch auf diese Weise fotografiert werden sollten.

(Model: Lena)

Selbstverständlich gibt es auch Landschaftsbilder mit begrenzter Schärfentiefe und Porträts mit scharfem Hintergrund, wenn dies die Bildaussage unterstützt.
Wir haben bereits festgestellt, dass die Blende die Schärfentiefe beeinflusst. Eine weiter geschlossene Blende (große Blendenzahl) bringt mehr Schärfentiefe als eine weiter geöffnete Blende (kleine Blendenzahl). Keine Ahnung von was ich hier rede? Dann bitte das das Mysterium von Zeit und Blende (nochmal) nachlesen. Zur Erinnerung und Verdeutlichung hier noch einmal zwei Beispielbilder. Das obere Bild ist mit Blende f/1,8 aufgenommen, das Bild darunter mit Blende f/8. Bewundere jetzt ausnahmsweise einmal nicht mein fantastisches Aussehen, sondern achte darauf, wie sich die Schärfe des Hintergrundes auf den beiden Bildern unterscheidet.


(Fotos: Angie Dittrich)

Neben der Blende gibt es aber noch weitere Faktoren für die Schärfentiefe, nämlich die Brennweite des Objektivs sowie der Abstand zwischen Motiv und Hintergrund, ferner auch die Größe des Sensors und der Abbildungsmaßstab.

Was den Abstand zwischen Motiv und Hintergrund betrifft, nimmt die Schärfentiefe ab, je größer der Abstand zwischen Motiv und Hintergrund ist.
Weil ich mich selber so gerne auf Bildern sehe hier gleich noch zwei Beispielbilder 😉
Beide Bilder sind mit der selben Blende und Brennweite gemacht. Beim ersten stehe ich knapp vor dem Baum, beim zweiten  ein paar Schritte davon entfernt. Wie du sehen kannst, ist der Stamm auf dem ersten Bild wesentlich schärfer als auf dem zweiten.

(Fotos: Angie Dittrich)

Bezüglich der Brennweite ist es so, dass lange Brennweiten (Tele) meist weniger Schärfentiefe bringen als kurze Brennweiten (Weitwinkel), was mit dem Abbildungsmaßstab zusammenhängt. Mehr dazu erfährst du auch noch im Abschnitt „Die Brennweiten und ihre Verwendung“

Zu den Sensoren ist zu sagen, dass kleinere Sensoren eine größere Schärfentiefe bedeuten, wobei es auch einen Zusammenhang zwischen Sensorgröße und Brennweite gibt. (Mehr dazu ebenfalls im Abschnitt „Brennweiten und ihre Verwendung“)

Beim Abbildungsmaßstab liefert ein großer Abbildungsmaßstab wesentlich weniger Schärfentiefe als ein kleiner. So hat man etwa in der Makrofotografie bei einem Maßstab von 1:1 (Das Motiv und seine Abbildung auf dem Sensor sind gleich groß) wesentlich weniger Schärfentiefe als wie bei einem Abbildungsmaßstab von 1: 1000 (Das Motiv ist eintausend mal so groß wie seine Abbildung auf dem Sensor)
Hier mal ein Beispielbild. Der Abbildungsmaßstab dürfte bei 1:3 oder 1:4 gelegen haben, Blende war glaube ich f/8 oder so. Wegen des großen Abbildungsmaßstabes, verschwimmt alles vor oder hinter dem Bereich auf den scharf gestellt wurde, hier das Auge, bereits in Unschärfe. 

„Wie kann ich im Vorfeld feststellen wie viel Schärfentiefe ich bekomme?“

Berechtigte Frage. Du kannst diesen Wikipediaartikel lesen und dir die Schärfentiefe anhand der Formel dort ausrechnen.
Ich empfehle dir aber, einfach mit deiner Kamera loszuziehen und ein und das selbe Motiv mit verschiedenen Brennweiten, Blenden sowie unterschiedlichem Abstand zwischen dir und Motiv abzulichten. Die Ergebnisse schaust du dir dann in Ruhe zu hause am PC an. Du wirst recht schnell ein Gefühl dafür bekommen, unter welchen Voraussetzungen du welche Schärfentiefe bekommst.

Verwacklungsunschärfe:

Mit der Verwacklungsunschärfe kommen wir zu einer der wahrscheinlich unbeliebtesten Unschärfen in der Fotografie. Sie entsteht durch das Bewegen der Kamera beim fotografieren aus der Hand bei zu langen Belichtungszeiten oder durch Vibrationen des Untergrundes, wenn die Kamera auf einem Stativ steht. Im Gegensatz zur Bewegungsunschärfe wird Verwacklungsunschärfe eher selten als Stilmittel verwendet, vor allem weil sich ein „Verwackler“ auf das ganze Bild auswirkt.

Um Verwacklungs-unschärfe vorzubeugen, sollte man beim fotografieren aus der Hand ausreichend kurze Belichtungszeiten einstellen. Die Faustformel dafür ist der Kehrwert der Brennweite. Also bei 50mm Brennweite mindestens 1/50s, bei 100mm mindestens 1/100s, bei 300mm mindestens 1/300s als längste Belichtungszeit, usw…
Sind aufgrund der Lichtbedingungen entsprechend kurze Belichtungszeiten nicht möglich, muss ein Stativ verwendet werden, welches stabil genug ist um die Kamera ruhig zu halten.
Moderne Objektive oder auch die Kameras selbst, haben häufig einen elektronischen Verwacklungsschutz verbaut. Dieser gleicht das zittern der Hände aus, wodurch auch wesentlich längere Verschlusszeiten als nach der oben erklärten Faustformel „gehalten“ werden können. Welche Zeiten man nun also tatsächlich verwacklungsfrei aus der Hand fotografieren kann hängt also einerseits von der jeweiligen Kameraelektronik und andererseits vom persönlichen Tattergreis ab. So gibt es „Scharfschützen“ die 50mm Brennweite auch bei 1/20s Sekunde ganz ohne elektronischen Verwacklungsschutz noch ruhig halten können, während nervösere Zeitgenossen bereits bei 1/50s und Verwacklungsschutz Probleme haben das Ding ruhig zu halten.
Du musst also ausprobieren was geht und was nicht mehr geht, wobei man das ruhig halten durchaus trainieren kann.
Verwacklungsunschärfe sieht übrigens völlig anders aus als die unten beschriebene Bewegungsunschärfe. Man kann also bei einem Verwackler nicht einfach behaupten: „Hey, das ist gewollte Bewegungsunschärfe um das Bild dynamischer zu gestalten.“

Bewegungsunschärfe:

Bewegungsunschärfe meint die Unschärfe welche durch die Bewegung des Motivs bei entsprechend langer Belichtungszeit entsteht. Bewegungsunschärfe wird gerne als Stilmittel eingesetzt, um Bilder lebendiger, bewegter erscheinen zu lassen. Hier mal eine sich schüttelnde Hündin. Die Belichtungszeit war kurz genug um das eine Auge (halbwegs) scharf, sowie die Wassertropfen als in die Länge gezogen festzuhalten, und lange genug damit der Rest des Kopfes in Bewegungsunschärfe verschwimmt.

Bewegungsunschärfen können je nachdem, was sich das bewegt, unterschiedliche Bildwirkungen hervorrufen. Wasser wird immer wieder gerne mit längeren Belichtungszeiten fotografiert:

Verschiedene Lichtdingenssachen kommen oft auch ganz nett 🙂 :

Welche Belichtungszeiten man benötigt um Bewegungsunschärfen zu erhalten, hängt natürlich von der Geschwindigkeit ab mit der sich ein Motiv bewegt. Man könnte natürlich anfangen zu rechnen: Wenn sich das Objekt mit einer Geschwindigkeit von…. – Aber auch in diesem Fall kommst du wesentlich schneller zu einem Gefühl für entsprechende Zeiten, wenn du einfach bewusst mit verschieden langen Zeiten herumspielst und dir die Ergebnisse dann in Ruhe am PC anschaut.

Mitzieherunschärfe:

Diese Art der Unschärfe kann man eigentlich auch zur Bewegungsunschärfe rechnen. Sie entsteht allerdings nur indirekt durch die Bewegung des Motivs, und zwar in dem die Kamera in der Geschwindigkeit des Motivs mitgezogen und dabei ausgelöst wird. Beherrscht man diesen Trick, bekommt man ein scharfes Motiv während der Hintergrund in entsprechender Bewegungsunschärfe verschwimmt.

Bokeh

Dieser vom japanischen „boke“ = unscharf, verschwommen, abgeleitete Begriff, bezeichnet das durch die Konstruktion des Objektives bedingte, typische  Aussehen des Unschärfebereichs eines Bildes. Verschiedene Objektive produzieren verschiedene Bokehs, wobei es sich hier um eine eher subjektive Qualität handelt, die von Fotografen oft kontrovers empfunden und diskutiert wird.

Digitale Schärfen und Unschärfen

Moderne Bildbearbeitungsprogramme bieten heutzutage viele Möglichkeiten um Bilder einerseits nachzuschärfen, andererseits um Schärfentiefen abzumildern oder auch Schärfeverläufe zu kreieren, die aufgrund physikalischer Gegebenheiten von Objektiv und Kamera ansonsten nicht zu realisieren wären.
Beim digitalen Nachschärfen von Bildern soll darauf geachtet werden, die Bilder nicht zu stark nachzuschärfen, da „überschärfte“ Bilder selten schön aussehen. Hier mal ein extrem überschärftes Bild:

Anzumerken ist auch, dass man nur nachschärfen kann, was schon eine gewisse Grundschärfe hat. Unschärfen die durch falsches fokussieren, verwackeln oder Bewegungen des Motivs entstanden sind, lassen sich auch diese Weise nicht kompensieren.
Beim abmildern von Schärfe, beispielsweise um eine Person vor einem zu scharfen Hintergrund besser freizustellen, ist auf einen natürlichen Schärfeverlauf und ein entsprechendes Aussehen der erzeugten Unschärfe zu achten. Hier mal ein Bild mit Schärfe/Unschärfe Bereichen wie es sie von Natur aus eigentlich nicht geben kann:


Prinzipiell sollten Schärfe und Unschärfe schon bei der Aufnahme sitzen und in der weiteren Bildbearbeitung diesbezüglich nur mehr ein leichtes Nachschärfen erforderlich sein. Außer natürlich, man hat von Haus aus vor in der Nachbearbeitung kreative Schärfeverläufe zu kreieren.

So, weiter geht es hier nun mit dem Thema „Die Brennweiten und ihre Verwendung“.